Klinikgelände

Planung und Bau

Man stelle sich einen Augenblick vor: Das Landeskrankenhaus steht in Belecke. Würde da heute die südlichste Stadt des Kreises Soest Warstein heißen?

Oder: Das Landeskrankenhaus liegt am Südufer des Rüthener Möhnetals.

Wäre dann nicht vielleicht Warstein ein verträumtes Landstädtchen und Rüthen ein bekannter Mittelpunkt?

Oder: Das Landeskrankenhaus liegt statt im Tal der Dorpke am Südrand Warsteins, am Mescheder Schling; und das seit 75 Jahren. Wie sähe Warstein dann heute aus? Welche Entwicklung hätte der Ortsteil Suttrop genommen?

Und auch das stelle man sich einen Augenblick vor: Die 5. Provinzial-Heilanstalt Westfalens ist 1905 nicht im Warsteiner Raum, sondern wie ursprünglich geplant in Eickelborn, oder, wie auch in Aussicht genommen, in Freienohl-Bockum errichtet worden...

Wie begehrt zu Beginn dieses Jahrhunderts der Standort einer Heilanstalt war, belegt die Tatsache, dass auf eine entsprechende Zeitungsanzeige des westfälischen Landeshauptmanns im Mai 1902 weit mehr als 100 Angebote eingingen. Die Stadt Warstein beschloss, der Provinz 100 Morgen Land am Mescheder Schling kostenlos zur Errichtung einer Heilanstalt zur Verfügung zu stellen und eventuell notwendige weitere Grundstückskäufe der Provinz seitens der Stadt zu subventionieren. - Auch die Städte Belecke und Rüthen waren unter den Standortbewerbern. Beim nahen Freienohl, in Bockum, machten die Vorplanungen für die Errichtung einer neuen Anstalt gute Fortschritte.

Da trat, unbeachtet von der Öffentlichkeit, der Rendant der Warsteiner Sparkasse, Franz Hegemann, auf den Plan. Als Mitglied des Aufsichtsrates der Westfälischen Landeseisenbahn war er bestens vertraut mit diesem Verkehrsunternehmen, das nur einmal in seiner Geschichte eine geringe Dividende auf das Aktienkapital hatte ausschütten können, sonst aber defizitär arbeitete, und das doch für den Warsteiner Raum und dessen Lebensqualität so wichtig war. Zudem war Franz Hegemann als verantwortungsbewusster Bürger stets auf das Wohl seiner Heimatstadt bedacht. Durch seine Aufsichtsratstätigkeit war er mit den wichtigsten Persönlichkeiten der Provinzial-Verwaltung in Münster bekannt, denn die Provinz hielt 50 % der Aktien der WLE. So setzte er sich mit dem Gutsbesitzer Franz Bömer aus Suttrop ins Benehmen und überredete diesen, sein Besitztum, das unmittelbar an den in Suttrop gelegenen Bahnhof Warstein der WLE angrenzte, der Provinz Westfalen zur Errichtung ihrer 5. Heilanstalt anzubieten. Er schrieb eigenhändig das Verkaufsangebot Bömers und ließ es von diesem lediglich unterschreiben.

Die Bauarbeiten zur Anstalt waren nach knapp Eineinhalbjähriger Dauer im Frühjahr 1905 so weit fortgeschritten, dass der erste Direktor ernannt werden musste. Die Provinz Westfalen bestellte Dr. Herman Simon, bislang Oberarzt in Lengerich, zum 01.04.1905 als ersten Direktor der Heilanstalt Warstein. Gut hundert Tage später, am 15.08.1905, kamen die ersten Patienten hierher. Die kleine Gruppe Männer kam aus Lengerich und fand noch unfertige Räumlichkeiten vor. Die zentrale Energieversorgungsanlage der Anstalt war noch nicht betriebsbereit; zur Wasserversorgung hatte man einen provisorischen Anschluss an die Warsteiner Stadtleitung geschaffen. Die Enge in den Anstalten Westfalens war aber so erdrückend, dass mit einer Verlegung nach Warstein eine Verbesserung für die Patienten erreicht schien, auch wenn die Speisezubereitung für sie auf einem im Baderaum der Abteilung notdürftig aufgestellten Herd erfolgen musste. Die ersten Patienten fanden im heutigen Haus Röntgen Unterkunft.

Bald konnten die zentralen Einrichtungen der Warsteiner Anstalt in Betrieb genommen werden, und am Ende des Jahres 1905 waren bereits 326 Patienten in der Anstalt zuhause.

lm Sommer 1907, am 06.08., wurde die Fertigstellung des ersten Bauabschnittes mit 865 Plätzen in einer kleinen Feier, zu der sich der Provinzial Ausschuss und die Honoratioren der Umgebung eingefunden hatten, begangen. Die Bauarbeiten wurden aber gleich fortgesetzt, um die Anstalt möglichst bald auf die zunächst erst für die fernere Zukunft geplante Belegstärke von 1.400 Plätzen zu bringen. Die Bevölkerungsdichte in Westfalen nahm infolge der Industrialisierung so sehr zu, dass, noch ehe Warstein vollendet war, die Errichtung einer weiteren Heilanstalt in Gütersloh geplant und begonnen werden musste. Bei dieser Planung wirkte Dr. Simon maßgeblich mit, zumal im Warsteiner Baubüro die Pläne ausgearbeitet wurden. Dr. Simon hatte auch schon bei den Entwürfen zur Warsteiner Anstalt eine entscheidende Rolle gespielt. Als die Gütersloher Anstalt baulich vollendet war, wurde er im Jahre 1914 deren erster Direktor.

Suttrop und die Klinik

Schon von Anfang an war das Verhältnis zwischen der Heilanstalt und ihrer eigentlichen Heimatgemeinde Suttrop nicht sonderlich gut gewesen. So wurde der Verkäufer des Baugrundes, Franz Bömer, der Jahrzehnte hindurch Gemeindevorsteher in Suttrop gewesen war, in diesem Amt nicht mehr bestätigt, nachdem er seinen Besitz an die Provinz veräußert hatte.

Aber auch das muss gesagt werden: Der Unwille der Suttroper Bürger richtete sich niemals - soweit erkennbar - gegen die Kranken der Anstalt, sondern immer nur gegen deren Bedienstete. Diese sah man als Eindringlinge an, hielt sie für stolz und überheblich. Vielleicht um diese vermeintliche Überheblichkeit wieder auszugleichen, bezeichneten die Suttroper die Angestellten der Heilanstalt mit einem Titel, den hier niederzuschreiben sich mir verbietet. - Man mag bedauernd feststellen, dass Suttrop die wohl günstigste Gelegenheit seiner Geschichte verpasst hat, aus dem Unbekanntsein in das Bewusstsein der westfälischen Geschichte aufzurücken (mit dieser Feststellung ist nicht gesagt, Suttrop trage die Schuld an dieser verpassten Gelegenheit!); heute gehört Suttrop mit seiner Heilanstalt als Ortsteil zur weithin, auch durch die Landeskrankenhäuser, bekannten Stadt Warstein.

Dass die Heilanstalt in Suttrop bei Warstein errichtet wurde, ist ausschließlich das Verdienst des Rendanten Hegemann, den Zeitgenossen den 'Heiligen Geist von Warstein' nannten. Er hat nicht nur Franz Bömer überredet, seinen Grundbesitz anzubieten; er führte auch die Kaufverhandlungen mit den Besitzern anderer Grundstücksparzellen, die für den geplanten Bau benötigt wurden. Die Provinzial-Verwaltung hatte ihm für diese Geschäfte eine Generalvollmacht ausgestellt. Jahrelang opferte Franz Hegemann jede Minute seiner Freizeit für die Belange der zu errichtenden Anstalt. Er tat das selbstlos und unentgeltlich; nur zweimal erhielt er eine 'Remuneration' für die ihm entstandenen Kosten. Warsteins Bürger erkannten damals, welch guten Dienst er ihrer Stadt erwiesen hatte: sie wählten ihn zu ihrem Stadtvorsteher! (01.01. 1906).

Räumliche Zuordnung und Amtsbereich

Franz Hegemann, der solange er in Warstein lebte selbstlos für das Gemeinwohl sich engagierte, hatte erkannt, dass das Gelände, das die Stadt Warstein anbot, von vorneherein wegen der hohen Kosten für einen unbedingt erforderlichen Bahnanschluss, ausfiel. Das Belecker Angebot war zurückgenommen worden, da das in Aussicht genommene Grundstück nicht zu den vom Belecker Gemeinderat angenommenen Bedingungen zu erhalten war. Die verkehrstechnischen Voraussetzungen waren nirgendwo günstiger als beim Bömerschen Besitztum am Bahnhof Warstein. Bömers Angebot fand nach Verhandlungen die Annahme des Provinzial-Ausschusses; die neue Anstalt kam nach Suttrop, Amt Altenrüthen in Rüthen, Kreis Lippstadt, jedoch in unmittelbarer Nähe der Stadt Warstein im Kreis Arnsberg.

Die Lage in Suttrop, Amt Altenrüthen, Kreis Lippstadt einerseits, und die Orientierung des Krankenhauses nach Warstein, Kreis Arnsberg andererseits, haben in der Vergangenheit zu vielfältigen Schwierigkeiten geführt.

Als äußerst schwierig erwies sich eine vernünftige Regelung der kommunalen Zugehörigkeit der Heilanstalt. Schon längst vor Gründung der Anstalt gab es Bestrebungen, die Gemeinde Suttrop mit dem Amt Warstein zu vereinen, und das Amt Warstein dann aus dem Kreise Arnsberg zu lösen und dem Kreis Lippstadt zuzuschlagen. Doch Tradition siegte über Vernunft, auch als durch die Existenz der Heilanstalt diese Frage neu belebt wurde. Ja, bürokratische Gewohnheiten vor allem bei der Militärverwaltung führten im 1. Weltkrieg vorübergehend dazu, dass die Heilanstalt den Namen ,,Suttrop" annehmen musste. Die Militärbehörden kannten bei ihren zahlreichen Anfragen bezüglich der fast ausnahmslos zum Kriegsdienst eingezogenen männlichen Bediensteten der Heilanstalt nur den Dienstweg. Des Namens Warstein wegen gingen entsprechende Anfragen der Militärbehörden an das Amt Warstein. Dieses schickte sie zuständigkeitshalber an das Amt Altenrüthen in Rüthen. Dieses erkundigte sich dann per Brief bei der Anstalt, die die Antwort wiederum über das Postamt Warstein dem Amt Altenrüthen zusandte. Das Amt Altenrüthen konnte dann nach mehrtägiger Verzögerung der Militärbehörde die gewünschte Auskunft zustellen. Solch kostspielige (Porto- und Schreibarbeiten) und zeitraubende Umwege konnte man sich in Kriegszeiten nicht erlauben. Auf Drängen der Militärbehörden, das nachdrücklich vom Altenrüthener Amtmann unterstützt wurde, verfügte der Landeshauptmann am 13.07.1917 die Namensänderung auf ,,Heilanstalt Suttrop"; diese Namensänderung wurde bald nach Kriegsende wieder rückgängig gemacht.

Die Postzuständigkeit wurde unkompliziert und rasch gelöst. Bereits zum 05.12.1905 wurde der Anstaltsbereich dem Stadtbestellbezirk der Post Warstein zugewiesen. Auch die Gerichtszuständigkeit wurde vom Amtsgericht Rüthen im Landgerichtsbezirk Paderborn bereits am 01.04.1921 auf das Amtsgericht Warstein im Landgerichtsbezirk Arnsberg übertragen, und zwar für die ganze Gemeinde Suttrop, Dorf und Anstalt.

Aufnahme des Klinikbetriebs

Die Heilanstalt Warstein war während des ganzen ersten Weltkrieges ohne Direktor. Zwar war schon 1914 Dr. Ferdinand Hegemann, ein Sohn des Rendanten Hegemann, zum Direktor in Warstein bestimmt, doch konnte er sein Amt erst nach Kriegsende antreten. Seine erste große Aufgabe war, Ordensschwestern zur Pflege der weiblichen Patienten zu finden. Bereits 1912 war unter Dr. Simon auf Drängen der Provinzial-Verwaltung mit dem Mutterhaus der barmherzigen Schwestern des hl. Vinzenz von Paul in Paderborn ein Vertrag abgeschlossen worden, der die Pflege der Patientinnen und die Leitung der Wasch- und Kochküche durch Schwestern dieser Kongregation regeln sollte, aber durch den entbehrungsreichen Dienst in den Kriegslazaretten und durch die mangelhafte Ernährung in jener Notzeit waren die Reihen der Vinzentinerinnen vom Tod so geliertet worden, dass diese sich zunächst nicht in der Lage sahen, den bestehenden Vertrag zu erfüllen. Dr. Hegemann und der Paderborner Bischof Carl Joseph Schulte setzten sich mit verschiedenen Ordensgemeinschaften ins Benehmen, konnten aber keine anderen Ordensschwestern für Warstein gewinnen. Die Vinzentinerinnen waren gezwungen, ihren Vertrag von 1912 einzuhalten. Am 18.11.1919 kamen die ersten 28 Schwestern des heiligen Vinzenzin Warstein an und nahmen am folgenden Tag, dem Festtag der heiligen Elisabeth, die aber damals noch nicht Patronin der katholischen Anstaltsgemeinde war, ihren Dienst auf, den sie bis zum heutigen Tage mit Sachkenntnis, Eifer und vor allem mit gutem Herzen an den Kranken des Landeskrankenhauses Warstein versehen. Die Schar der Ordensschwestern wuchs in Warstein zeitweise bis auf 125; heute ist sie wieder fast bis auf die Anfangsgröße geschrumpft.

Schulwesen

Schwieriger gestaltete sich die Schulfrage. Zwar hatten Absprachen zwischen der kath. Schulgemeinde Warstein und der Heilanstalt, vertreten durch die Provinzial-Verwaltung Münster, schon vor Baubeginn der Anstalt den Besuch der Warsteiner Schulen durch die Kinder der Anstaltsbediensteten geregelt, aber gesetzlich gehörten die katholischen 'Anstaltskinder' zur Schulgemeinde Suttrop. Das führte zu vielfachen Auseinandersetzungen und zur Doppelbelastung der Hausväter der Heilanstalt, also der Familienväter unter den Anstaltsbediensteten, die in Warstein u n d Suttrop Schulgeld entrichten mussten.

Bis in die jüngste Vergangenheit sind wenig liebenswürdige Briefe zwischen den Rektoren der Warsteiner und Suttroper Volksschule wegen des Schulorts der 'Anstaltskinder' gewechselt worden.

Beim Thema Schule sei auch erwähnt, dass die Möglichkeit höherer Schulbildung für Mädchen im Warsteiner Raum in der Heilanstalt Warstein ihren Anfang nahm. Fünf Jahre hindurch war sie die Heimat einer privaten ,,Höheren Mädchenbildungsanstalt."

Die Schulfrage hatte das Verhältnis Heilanstalt-Suttrop belastet. Suttrop sperrte sich lange Zeit gegen die Heilanstalt und ihre Mitarbeiter. Ein fruchtbares Miteinander von Dorf und Anstalt entwickelte sich erst allmählich nach dem 2. Weltkrieg, vor allem durch das wohlwollende und rücksichtsvolle Taktieren des Suttroper Bürgermeisters Josef Bathe. Er anerkannte Gemeinde und Heilanstalt als gleichberechtigte Partner.

Klinik im 1. Weltkrieg

Klinik im 2. Weltkrieg

Warstein war eine katholische Anstalt, bis zum 01.01.1936 die braunen Machthaber alle Anstalten paritätisch machten.

Noch ehe die Anstalt (wieder) paritätisch wurde, hatte Dr. Hegemann sein Direktorenamt in Warstein aufgeben müssen. Eines Sonntags, am 22.041934, bekam er nach dem Hochamt, das er mitgefeiert hatte, die fernmündliche Mitteilung, er sei nicht mehr Direktor in Warstein. Er war den Vertretern der NSDAP nicht genehm und musste schon am nächsten Morgen seine neue Stelle als Oberarzt in Münster-Marienthal antreten. Sein Nachfolger in Warstein wurde Dr. Heinrich Petermann.

In Warstein brachen neue Zeiten an. Schon seit der Machtergreifung durch die NSDAP hatte sich eine tiefgreifende Wandlung vollzogen. Die meisten Mitarbeiter der Heilanstalt waren Mitglieder der Partei oder einer ihrer Unterorganisationen geworden; der Druck der Regierung ließ den Mitarbeitern, die fast ausnahmslos beamtet waren, keine andere Möglichkeit, wenn sie Stellung und Brot behalten wollten. Es betraf nicht nur Äußerlichkeiten, wenn die bislang gefeierten kirchlichen Feste durch Parteifeiertage abgelöst wurden. Schwerer aber wog die Belastung, die das Erbgesundheitsgesetz und die dadurch legalisierte Zwangssterilisation bewirkte. Hunderte von Männern und Frauen der Heilanstalt Warstein wurden durch ein Erbgesundheitsgericht für erbkrank erklärt und in dazu beauftragten Krankenhäusern irreparabel unfruchtbar gemacht.

Projekt T4 - Euthanasie auch in Warstein

Noch weit furchtbarer wirkte sich die "Euthanasie" aus, die Hitler 1939 nach dem Feldzug gegen Polen befahl. Glück im Unglück war, dass aus der damals mit mehr als 1.600 Kranken belegten Heilanstalt Warstein erst im Sommer 1941 die ersten Patienten in sogenannte Begutachtungsanstalten verlegt wurden, die in Wirklichkeit nur Sammel- oder Übergangsanstalten für die Tötungsanstalt Hadamar waren. So wurden im Sommer 1941 insgesamt 903 kranke Männer und Frauen von Warstein und Eichberg, Herborn und Weilmünster verlegt. Als in Warstein der Zweck der Verlegungen erkennbar wurde, setzte eine hektische Tätigkeit unter fast allen Mitarbeitern der Heilanstalt ein mit dem Ziel, möglichst viele der gefährdeten Patienten nach Hause zu entlassen oder ihnen an anderem, sicherem Ort eine Bleibe zu verschaffen. Die damalige Oberin, Sr. M. Thiatildis, sagte nach Kriegsende in einem Prozess aus, sie und ihre Mitschwestern hätten allein 100te solcher Briefe geschrieben, in denen sie die Angehörigen baten, ihr krankes Familienmitglied nach Hause zu holen. Von dem katholischen und von dem evangelischen Pfarrer sind ähnliche Briefe bekannt; Arzte und Pfleger engagierten sich ebenso. - Leider fanden die Briele bei den Angehörigen oft nicht das erwünschte Echo; vielfach hatten sich die Bindungen der Familien zu ihren Kranken zu sehr gelockert. - Glück in diesem Unglück bedeutete es, dass Hitler sich durch vielfachen Protest der Öffentlichkeit genötigt sah, Anfang August 1941 die ,,Euthanasie" zu stoppen, wenngleich in Hadamar bis zum Kriegsende das dann ,,Wilde Euthanasie" genannte Morden weiterging.

lm Sommer 1943, am 26./27. Juli, wurden im Zuge der Errichtung einer Lungenheilstätte in Teilen der Heilanstalt, nochmals 640 Kranke verlegt, und zwar nach Hadamar, Herborn, Gießen, Pfafferode in Thüringen und Weilmünster.

Es kann nicht genau gesagt werden, wie viele der 1.543 verlegten Patienten der ,,Euthanasie" oder der ,,Wilden Euthanasie“ zum Opfer fielen. Nachforschungen ergaben aber, dass bei Kriegsende mehr als 1.200 der verlegten Kranken nicht mehr lebten.

in den durch Verlegung freigewordenen Häusern wurde zunächst ein Reserve-Lazarett der deutschen Wehrmacht, und dann 1943 im westlichen Teil der Anstalt die Heilstätte Stillenberg eingerichtet, bei der heute neben der ursprünglichen Aufgabe als Fachklinik für Erkrankungen der Atmungsorgane auch noch eine Fachklinik für Behandlung von Suchtkrankheiten besteht. Das Reserve-Lazarett wurde bei Kriegsende von den deutschen Verwundeten geräumt und mit kranken Kriegsgefangenen belegt, die vor allem aus Russland stammten. Manche von ihnen waren so schwer krank, dass sie trotz sorgfältigster und liebevollster Pflege verstarben. Auf den Friedhof der Anstalt sind sie beigesetzt. Das hohe Denkmal auf ihrem Gräberfeld trägt eine irreführende Inschrift. In Warstein ist keinem der hier bestatteten kriegsgefangenen Soldaten oder internierten Zivilpersonen ein Leid zugefügt worden.

Nach dem Krieg

Nach Räumung des Lazaretts durch die britische Militär-Regierung wurde für fast 10 Jahre die Blindenschule Soest, die in Soest alle ihre Gebäude durch Kriegseinwirkung verloren hatte, in Häusern der Anstalt wiederaufgebaut. Bald aber nahm die Zahl der Geisteskranken, die Aufnahme und Hilfe suchten, wieder so sehr zu, dass alle sehnlichst darauf warteten, dass der Blindenschule in Soest neue Räumlichkeiten errichtet würden und die Warsteiner Gebäude wieder ihrem ursprünglichen Zweck dienen könnten. Zu Beginn der sechziger Jahre war die Anstalt, der nur noch etwa die Hälfte des ursprünglichen Raums zur Verfügung stand - die andere Hälfte hatte die Fachklinik Stillenberg belegt - wiederum mit 1.600 Kranken belegt. Eine unvorstellbare Enge bestimmte den Tagesablauf und erschwerte rehabilitative Maßnahmen. Einen Ausweg aus dieser Enge glaubte man in Altersheimen zu finden, die mit oft einfachen Mitteln sich überall auftaten und gern nicht mehr arbeitsfähige aber hinsichtlich ihrer Krankheit gebesserte Patienten der Landeskrankenhäuser aufnahmen. Ein Ausweg; auch eine Lösung?

In der Heilanstalt Warstein waren schon 1937 alle tuberkulosen Patienten aus den westfälischen Anstalten zusammengefasst worden. In den sechziger Jahren wurde ihnen ein Neubau mit den Abteilungen 33-44 erstellt. Bereits in den vorhergehenden Jahren war für alle Geisteskranken mit infektiösen Darmerkrankungen aus der Provinz Westfalen ein Neubau mit den Abteilungen 30-32 in Warstein gebaut worden. Zu Beginn der siebziger Jahre konnte dann ein Bettenhaus mit 175 Plätzen neu erstellt werden (Abteilungen 35-39).

Was man vom Kölner Dom sagt, kann man auch vom Landeskrankenhaus Warstein sagen; Beide sind nie ohne Baugerüst, beide sind immerzu Baustelle. Schon ehe der Bau der Anstalt vollendet war, wurden umfangreiche Ergänzungs- und Reparaturarbeiten notwendig; bis zu diesem Tag haben solche Arbeiten nie aufgehört. Wenn die Gebäude und Einrichtungen des Landeskrankenhauses dem allgemeinen Lebensstandard der Bundesrepublik und den Möglichkeiten moderner Therapie angepasst werden sollen, wird die Anstalt noch auf Jahre hinaus Großbaustelle bleiben. Bedingung allerdings ist, dass die Öffentliche Hand ihre (geistes-) kranken Mitbürger als gleichberechtigt mit den gesunden anerkennt und die notwendigen, erforderlichen Finanzmittel zur Verfügung stellt. Und es wird letzter Einsatz jedes Mitarbeiters im WLK verlangt, wenn den Kranken jener Dienst erwiesen werden soll, den die Öffentlichkeit für seine kranken Mitbürger erwartet. ,Besser, ein kleines Licht anzünden, als über die Finsternis klagen", wie Dr. Eberhard Kluge, der derzeitige ärztliche Leiter des WLK Warstein bei seiner Amtseinführung 1970 eine fernöstliche Weisheit zitierte.

Warstein hatte einen Entwicklungspunkt erreicht, wie sonst nie in seiner über 700-jährigen Stadtgeschichte! Die mehr als 800 hochqualifizierten Arbeitsplätze im WLK Warstein und in dem von ihm abgezweigten WLK Stillenberg mit seinen zwei Fachabteilungen, sind aus dem wirtschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt heute nicht mehr wegzudenken. Die vielfachen Betätigungsmöglichkeiten für Handel und Gewerbe der Stadt in bzw. mit den Landeskrankenhäusern, deren Patienten und Bediensteten, bilden für manche Firma in Warstein die Existenzgrundlage.

Dennoch gehört das Landeskrankenhaus erst seit der kommunalen Neuordnung am 01.01 .1975 zu Warstein, wenn es auch seit seinem Bestehen den Namen Warsteins trug und bekannt(er) machte.